Warum wir uns oft missverstehen: Die Welt durch zwei Brillen
Haben Sie sich schon einmal gefragt, warum ein einfaches Gespräch mit der Partnerperson in einem Streit endet? Oft fühlen wir uns nicht gehört. Wir denken, das Gegenüber versteht uns absichtlich falsch. Aus der Sicht der konstruktivistischen Psychologie liegt die Ursache jedoch tiefer.
Jeder Mensch ist ein Forscher
In der Psychologie der persönlichen Konstrukte sehen wir jeden Menschen als einen Wissenschaftler. Wir alle beobachten die Welt und ziehen daraus unsere Schlüsse. Diese Schlüsse nennen wir Konstrukte. Ein Konstrukt ist wie eine persönliche Brille. Durch diese Brille geben wir den Dingen eine Bedeutung.
Das Problem in einer Beziehung ist oft folgendes. Wir vergessen, dass unsere Partnerperson eine ganz andere Brille trägt. Wenn zwei Menschen dasselbe Ereignis betrachten, sehen sie nicht dasselbe. Sie interpretieren es auf Basis ihrer eigenen Erfahrungen.
Die Falle der „Objektivität“
Wir verfallen oft dem Glauben, dass unsere Sicht der Dinge die einzig wahre Realität ist. Wir nennen das in der Fachsprache den naiven Realismus. Wenn die Partnerperson die Dinge anders sieht, halten wir sie für im Unrecht. In der konstruktivistischen Therapie nutzen wir stattdessen den konstruktiven Alternativismus. Das bedeutet, dass es für jedes Ereignis viele verschiedene Sichtweisen gibt. Keine Sichtweise ist an sich richtiger als die andere. Sie sind lediglich unterschiedlich nützlich für unser Leben.
Sozialität: Die Brille des anderen borgen
Wie können wir uns also besser verstehen? George Kelly beschrieb hierfür das Konzept der Sozialität. Sozialität bedeutet nicht, dass wir immer einer Meinung sein müssen. Es bedeutet, dass wir versuchen, den Prozess des anderen zu verstehen. Wir borgen uns kurzzeitig die Brille der Partnerperson aus. Wir fragen uns, wie die Welt aus seiner Sicht aussehen muss, damit sein Verhalten Sinn ergibt.
Ein Missverständnis ist also keine Bosheit. Es ist eine Kollision zweier unterschiedlicher Welten. Wenn wir das erkennen, können wir aufhören zu urteilen. Wir beginnen gemeinsam zu forschen.
Was Sie heute tun können
Versuchen Sie bei der nächsten Unstimmigkeit die Haltung eines neugierigen Forschers einzunehmen. Fragen Sie sich, welche Bedeutung Ihre Partnerperson der Situation gibt. Welche Brille trägt sie gerade? Wenn wir verstehen, wie sie die Welt konstruiert, finden wir neue Wege zueinander. Wir sind nicht die Gefangenen unserer Sichtweise. Wir können lernen, die Welt immer wieder neu zu deuten.
Quellenverzeichnis
Bannister, D., & Fransella, F. (1986). *Inquiring man: The psychology of personal constructs*. Croom Helm.
Butt, T. (2008). *George Kelly and the psychology of personal constructs*. Palgrave Macmillan.
Patrick Weil, Zentrum Mensch