Emotionen als Wegweiser zu neuem Sinn

 


In unserer täglichen Erfahrung begegnen uns Emotionen oft als Kräfte, die uns scheinbar grundlos überfallen oder uns in unserem Handeln einschränken. Die konstruktivistische Psychotherapie nach George Kelly betrachtet Gefühle jedoch aus einem anderen Blickwinkel. Wir sehen sie nicht als bloße Reaktionen unseres Körpers oder als unkontrollierbare Impulse aus dem Unterbewussten. Vielmehr begreift dieser Therapieansatz Emotionen als wertvolle Signale dafür, dass sich unsere persönliche Sicht auf die Welt im Wandel befindet.


Was uns Gefühle über unser Weltbild verraten
Nach Kelly begegnet jeder Mensch der Welt mit einem eigenen Netz aus Erwartungen sowie Vorstellungen. Dieses System hilft uns dabei, Ereignisse vorherzusehen und ihnen eine Bedeutung zu geben. Wenn wir Freude oder Sicherheit empfinden, funktionieren unsere Vorhersagen meist gut. Die konstruktivistische Psychotherapie erklärt die Entstehung von Angst oder Unbehagen genau dadurch, dass unsere bisherigen Sichtweisen nicht mehr ausreichen, um eine Situation zu erfassen.

  • Angst verstehen wir als das Erleben einer Situation, für die wir momentan noch keine passenden Begriffe haben. Es ist das Gefühl vor einer Leere, weil die vertrauten Strukturen unseres Denkens den aktuellen Ereignissen nicht gewachsen sind.
  • Bedrohung nehmen wir wahr, wenn wir spüren, dass eine umfassende Veränderung in unserem Selbstbild bevorsteht. Es ist das Bewusstsein, dass wir im Begriff sind, ein anderer Mensch zu werden.
  • Feindseligkeit zeigt sich darin, dass wir krampfhaft versuchen, die Realität an unsere alten Vorstellungen anzupassen, obwohl diese offensichtlich nicht mehr funktionieren.
     

Die Nutzung von Emotionen in der Therapie
In der konstruktivistischen Psychotherapie nach Kelly nutzen wir diese Gefühlszustände als Ausgangspunkt für eine gemeinsame Entdeckungsreise. Anstatt ein Symptom nur beseitigen zu wollen, fragen wir nach dem Sinn dahinter. Wir betrachten Ihre Emotionen als Beweis dafür, dass Sie ein aktiver Gestalter Ihres Lebens sind und sich in ständiger Bewegung befinden.
Wir nutzen den therapeutischen Raum, um die festgefahrenen Konstrukte vorsichtig zu lockern. Wenn Sie Angst spüren, arbeiten wir an der Entwicklung neuer Sichtweisen, die Ihnen wieder festen Boden unter den Füßen geben. Wenn Sie sich bedroht fühlen, unterstützt dieser therapeutische Ansatz Sie dabei, den Übergang zu einem neuen Selbstbild sicher zu gestalten.
 

Der Weg zur Veränderung
Das Ziel der konstruktivistischen Arbeit ist es nicht, weniger zu fühlen. Es geht darum, die Sprache Ihrer Emotionen besser zu verstehen, um Ihr Leben aktiv neu zu gestalten. Wir betrachten Ihr Handeln als ein Experiment. In der Therapie nach Kelly probieren wir gemeinsam aus, wie sich alternative Sichtweisen anfühlen und welche neuen Möglichkeiten des Handelns sich daraus für Ihren Alltag ergeben. So werden Emotionen von einer Belastung zu einem Werkzeug für Ihre persönliche Weiterentwicklung.

 

Patrick Weil, Zentrum Mensch

 

Quelle: Butt, T. (2008). George Kelly: The Psychology of Personal Constructs. Palgrave Macmillan.